Was Besseggen ist - und warum die Richtung zählt
Besseggen ist ein schmaler Felsgrat in Jotunheimen (norwegisches Hochgebirge, höchster Punkt Galdhøpiggen 2.469 m), der zwei Seen voneinander trennt: den langen, gletschergrünen Gjende auf 984 m und das stahlblaue Bessvatnet auf 1.373 m. Der Farbunterschied der beiden Seen, Gletschermehl im Gjende, klares Schmelzwasser im Bessvatnet, ist das Bild, das die meisten von dieser Tour kennen.
Die Route selbst ist eine Punkt-zu-Punkt-Wanderung, kein Rundweg. Sie beginnt an der einen Hütte und endet an der anderen, und dazwischen liegt das Boot über den Gjende. Genau deshalb ist die Logistik wichtiger als bei einer normalen Tageswanderung im Fjell: ohne den richtigen Bootstakt steht der Plan nicht.
Die übliche Richtung ist Memurubu nach Gjendesheim, und das hat zwei sachliche Gründe. Erstens nehmen Sie morgens das frühe Boot von Gjendesheim nach Memurubu und haben dann den ganzen Tag, um zurückzulaufen, ohne auf eine letzte Abfahrt zu schielen. Zweitens gehen Sie die ausgesetzte Kletterstelle am Veslfjellet so bergauf statt bergab, was deutlich sicherer und für die meisten angenehmer ist.
Die Gegenrichtung, Gjendesheim nach Memurubu, ist möglich und wird von erfahrenen Geher gewählt, die den Aufstieg lieber gleichmäßig haben. Sie müssen dann aber die letzte Bootsabfahrt ab Memurubu sicher erreichen, und Sie klettern die exponierte Stelle bergab. Für eine erste Begehung empfehlen wir Memurubu nach Gjendesheim.
Wie schwer ist Besseggen wirklich - in DAV-Sprache
Die norwegische Klassifikation bewertet Besseggen als „schwarz" (schwer). Das klingt dramatischer, als es im DAV-Maßstab ist. Übersetzt entspricht die Tour einer T3: anspruchsvolles Bergwandern mit einer kurzen, ausgesetzten Kletterstelle, an der die Hände gebraucht werden, aber ohne versicherten Klettersteig und ohne anhaltend absturzgefährliches Gelände.
Die eine ernste Stelle liegt am Aufstieg über den Veslfjellet. Hier führt der Weg über eine steile Felsstufe, an der Sie über große Blöcke kraxeln und an einigen Tritten die Hände einsetzen. Sie ist ausgesetzt, aber nicht lang, und bergauf gut zu bewältigen. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Pflicht; Kletterkönnen über das Kraxeln hinaus nicht.
Der eigentliche Anspruch ist konditionell. 14 km mit 1.100 Höhenmetern über grobes Block- und Steiggelände kosten sechs bis acht Stunden, und der Untergrund ist über weite Strecken anstrengender als ein gepflegter Alpenweg. Wer regelmäßig T3-Touren in den Alpen geht und einen langen Tag mit Tagesrucksack durchhält, ist richtig vorbereitet.
Was die norwegische Skala anders rechnet als die DAV-Klassifikation, und warum eine norwegische „schwarze" Tour selten ein alpines „schwer" ist, haben wir für Bergleute aus dem Alpenraum in unserem Beitrag Jotunheimen für Alpenwanderer ausführlich aufgeschrieben.
Die Bootsfahrt Gjendesheim-Memurubu
Das Gjende-Boot ist kein Detail, sondern der Dreh- und Angelpunkt der Tour. Es verkehrt zwischen Gjendesheim am Ostende, Memurubu in der Mitte und Gjendebu am Westende des Sees. Für Besseggen brauchen Sie die Strecke Gjendesheim nach Memurubu, eine Fahrt von rund 20 Minuten über das gletschergrüne Wasser.
Der praktische Plan: Sie übernachten in Gjendesheim oder reisen früh an, nehmen eine der ersten Abfahrten am Morgen (in der Hochsaison fährt das Boot mehrmals täglich ab etwa 7:00 bis 8:00 Uhr) und sind so vor der Mittagswelle auf dem Grat. Die Tour läuft dann zurück zu Fuß nach Gjendesheim, wo Ihr Auto oder Bus steht.
Tickets kaufen Sie online vor der Reise oder am Steg in Gjendesheim. In der Hochsaison sind die frühen Abfahrten beliebt; eine Reservierung im Voraus ist sinnvoll, wenn Sie an einem festen Tag gehen müssen. Wer flexibel ist, kann auch spontan buchen, sollte dann aber mit der späteren, volleren Welle rechnen.
Wichtig für die Planung: Das Boot fährt nur in der Saison (siehe nächster Abschnitt). Außerhalb des Betriebs gibt es keine reguläre Verbindung über den Gjende, und die Tour als Tageswanderung fällt aus. Den genauen Fahrplan veröffentlicht der lokale Betreiber jedes Frühjahr für die kommende Saison; prüfen Sie ihn, bevor Sie den Reisetag festlegen.
Wann gehen: Saison und Boot-Fenster
Die Besseggen-Saison ist die Boot-Saison. Das Gjende-Boot läuft von Ende Juni bis Mitte Oktober, mit dem dichtesten Takt von Anfang Juli bis Anfang September. Vor dem Saisonstart liegt oben oft noch Schnee am Grat, und ohne Boot wird aus der Gratwanderung eine lange, unattraktive Talstrecke.
Das stabilste Fenster für die Begehung sind die letzten drei Juli-Wochen und die ersten drei August-Wochen: schneefreier Grat, längste Tage, voller Bootsbetrieb. Das ist zugleich die Zeit mit dem meisten Andrang, an Schönwetter-Wochenenden gehen mehrere Hundert Menschen den Grat.
Der Geheimtipp für DACH-Wanderer ist die erste Septemberhälfte. Das Boot fährt noch, die Birken im Tal beginnen sich zu färben, die Luft ist klarer und der Grat deutlich leerer. Das Wetterrisiko steigt leicht, aber für viele ist der ruhigere Berg den Tausch wert. Wie sich die Wandersaison insgesamt über das Jahr verteilt, lesen Sie in unserem Beitrag zur besten Reisezeit zum Wandern in Norwegen.
Konkret bedeutet das für die Planung: Hochsommer für Wärme, lange Tage und volle Infrastruktur, früher September für Stille und Farbe. Wer Andrang scheut, meidet die Schönwetter-Wochenenden im Juli und plant einen Wochentag.
Vom Tagestour zur Hüttentour: Besseggen über zwei Tage
Die meisten gehen Besseggen als Tagestour, und mit dem frühen Boot ist das gut machbar. Wer den Zeitdruck loswerden und die schlimmste Mittagswelle umgehen möchte, macht aus der Tour eine Zwei-Tage-Hüttentour. Das ist die entspanntere Variante und für viele DACH-Gäste die bessere.
Das gängige Modell: Sie nehmen am ersten Tag das Nachmittagsboot von Gjendesheim nach Memurubu, übernachten dort in der Hütte und gehen am nächsten Morgen früh los, lange bevor die Tagesgäste mit dem ersten Boot ankommen. Sie haben den Grat dann über weite Strecken für sich und kommen am frühen Nachmittag entspannt in Gjendesheim an.
Memurubu und Gjendesheim sind bewartete Hütten mit Halbpension, Bettenzimmern und Verpflegung, vergleichbar mit einer gut geführten alpinen Stützpunkthütte. Memurubu wird privat betrieben, Gjendesheim gehört zum Netz der DNT-Hütten. In der Hochsaison ist eine Reservierung mehrere Wochen im Voraus nötig, besonders für Memurubu mit seiner begrenzten Bettenzahl.
Wie die DNT-Hütten organisiert sind, wie Sie aus Deutschland Mitglied werden und was der Universalschlüssel bringt, erklärt unser Beitrag zu den DNT-Hütten für deutsche Wanderer. Für die zwei bewarteten Besseggen-Hütten brauchen Sie keinen Schlüssel, aber die Mitgliedschaft senkt den Übernachtungspreis spürbar.
Wann Besseggen NICHT passt
Besseggen ist berühmt, und Berühmtheit hat einen Preis. An einem Schönwetter-Samstag im Juli ist der Grat über Stunden eine Menschenschlange, und an der Kletterstelle staut sich der Verkehr. Wer Stille und Einsamkeit im Hochfjell sucht, ist auf einer der ruhigeren Jotunheimen-Routen besser aufgehoben als am bekanntesten Grat des Landes.
Auch die ausgesetzte Stelle ist nicht für jeden. Wer nicht schwindelfrei ist oder mit Höhenangst kämpft, sollte ehrlich abwägen. Die Kletterstelle ist kurz, aber sie ist ausgesetzt, und an einem vollen Tag mit Gegenverkehr lässt sie sich nicht in Ruhe gehen. Für unsichere Geher ist eine breitere Hochflächen-Tour die bessere erste Norwegen-Erfahrung, etwa eine Rondane Wanderwoche mit sanfteren Profilen.
Und das Wetter entscheidet mit. Der Grat ist exponiert, bei Nässe wird der Fels rutschig, bei Sturm und schlechter Sicht ist die Stelle am Veslfjellet kein Ort, an dem man sich aufhalten möchte. Die Fjellvettreglene, die norwegischen Bergverhaltensregeln, gelten hier nicht als Folklore: Tour der Wetterlage anpassen, im Zweifel verschieben. Wer einen schönen, aber niedrigeren Plan B in tieferer Lage braucht, weicht auf eine Hardanger Wanderreise am Fjord aus.
Realistisch gesehen passt Besseggen am besten zu konditionsstarken, trittsicheren Wanderern, die einen langen Bergtag mögen und entweder einen Wochentag oder den frühen September für weniger Andrang wählen können. Wer das nicht mitbringt, hat in Jotunheimen genug andere, lohnende Alternativen.
Wie wir eine Jotunheimen-Woche mit Besseggen bauen
Besseggen allein ist ein Tag, kein Urlaub. In einer kuratierten Jotunheimen-Woche setzen wir den Grat als Höhepunkt in eine Folge gut kalibrierter Tage: ruhigere Eingewöhnungs-Wanderungen davor, der ernste Grattag in der Wochenmitte bei gutem Wetterfenster, danach ein leichterer Tag zur Erholung.
Wer den höchsten Berg Norwegens dazunehmen möchte, kombiniert Besseggen mit einer Galdhøpiggen-Besteigung. Die zwei Touren sind sehr verschieden, ein exponierter Grat ohne Gletscher gegen eine Hochtour mit geführter Gletscherquerung. Den Routenvergleich für den höchsten Gipfel finden Sie in unserem Beitrag Galdhøpiggen besteigen.
Für Gäste, die Jotunheimen als Ganzes erleben, aber nicht jeden Tag am Limit gehen wollen, bauen wir die Woche um eine kulturell-historische Variante wie die Dovrefjell-Pilgerwanderung herum und setzen Besseggen als einzelnen Spitzentag ein. So bleibt der berühmte Grat ein Höhepunkt und kein Pflichtprogramm.
Saison, Boot-Reservierung und Hütten-Buchung sind die drei Logistik-Themen, die eine Besseggen-Woche braucht. Alle drei nehmen wir Ihnen ab; die Wanderung selbst gehen Sie eigenständig oder mit lokaler Begleitung, je nach Wunsch.
Häufige Fragen
Wie schwer ist die Besseggen-Wanderung?
Im DAV-Maßstab eine T3: anspruchsvolles Bergwandern mit einer kurzen, ausgesetzten Kletterstelle am Veslfjellet, an der die Hände gebraucht werden, aber ohne versicherten Klettersteig. Der eigentliche Anspruch ist konditionell: 14 km, rund 1.100 Höhenmeter über grobes Steiggelände, sechs bis acht Stunden. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Pflicht.
In welche Richtung wandert man Besseggen?
Üblich und empfohlen ist Memurubu nach Gjendesheim. Sie nehmen das frühe Boot von Gjendesheim nach Memurubu, gehen die ausgesetzte Kletterstelle am Veslfjellet bergauf statt bergab und laufen ohne Zeitdruck zurück, weil das Auto oder der Bus in Gjendesheim wartet. Die Gegenrichtung ist möglich, aber nur für erfahrene Geher sinnvoll.
Wie funktioniert die Bootsfahrt über den Gjende?
Das Gjende-Boot verbindet Gjendesheim, Memurubu und Gjendebu. Für Besseggen fahren Sie morgens von Gjendesheim nach Memurubu, rund 20 Minuten. In der Hochsaison fährt das Boot mehrmals täglich ab etwa 7:00 Uhr. Tickets buchen Sie online oder am Steg; an festen Tagen in der Hochsaison ist eine Reservierung sinnvoll.
Wann ist die beste Zeit für Besseggen?
Die letzten drei Juli-Wochen und die ersten drei August-Wochen bieten schneefreien Grat, lange Tage und vollen Bootsbetrieb, allerdings auch den meisten Andrang. Die erste Septemberhälfte ist die ruhigere Alternative: das Boot fährt noch bis Mitte Oktober, der Grat ist leerer und die Luft klarer. Vor Ende Juni fährt kein Boot.
Wie lange dauert die Besseggen-Tour?
Für die 14 km und etwa 1.100 Höhenmeter brauchen die meisten Wanderer sechs bis acht Stunden reine Gehzeit, ohne längere Pausen. Mit der morgendlichen Bootsfahrt und Pausen sollten Sie einen vollen Bergtag einplanen. Wer langsamer geht oder fotografiert, plant eher acht bis neun Stunden.
Eignet sich Besseggen als Hüttentour über zwei Tage?
Ja, und für viele ist das die bessere Variante. Sie fahren am Nachmittag mit dem Boot nach Memurubu, übernachten in der bewarteten Hütte und gehen am frühen Morgen los, bevor die Tagesgäste ankommen. So entgehen Sie der Mittagswelle und haben den Grat über weite Strecken für sich. In der Hochsaison ist eine Reservierung mehrere Wochen im Voraus nötig.



