Nordic Curator
Journal · 12 Min. Lesezeit ·

Hurtigruten vs. Havila vs. Postschiff: ein ehrlicher Vergleich

Der schmale Nærøyfjord, UNESCO-Welterbe, mit steilen Granitwänden, die direkt aus dem stillen Wasser aufsteigen
Foto: Øyvind Heen - fjords.com / Visitnorway.com

Was die Küstenroute eigentlich ist

Die Hurtigruten (wörtlich: schnelle Route) ist seit 1893 eine staatlich konzessionierte Schiffsverbindung entlang der norwegischen Küste. Sie verbindet Bergen im Süden mit Kirkenes im hohen Norden in etwa 6 Tagen - über 34 Anlegestellen, einschließlich Trondheim, Bodø, Tromsø, Hammerfest und Honningsvåg. Die Konzession schreibt vor: täglich eine Abfahrt nordwärts und eine südwärts, ganzjährig, mit definierten Anlegezeiten an jedem Hafen.

Die Route ist nicht primär ein Tourismus-Produkt. Sie ist eine staatliche Verkehrs-Infrastruktur: sie transportiert Fracht (besonders Fisch und Konsumgüter), Post, lokale Passagiere und seit Jahrzehnten zunehmend Touristen. Die Mischung macht die Erfahrung aus - eine Hurtigruten-Reise ist nicht eine Kreuzfahrt im Karibik-Sinn, sondern eine Reise durch ein arbeitendes Verkehrssystem.

Bis 2020 betrieb Hurtigruten AS die Konzession allein. Bei der letzten Ausschreibung wurde sie zwischen Hurtigruten (sieben Schiffe) und der neuen Havila Voyages (vier Schiffe) aufgeteilt. Beide Reedereien bedienen seit 2021 dieselbe Route mit identischen Anlegezeiten, aber unterschiedlichen Schiffen und Service-Konzepten.

Hurtigruten: die etablierte Reederei

Hurtigruten AS ist die historische Kontinuitäts-Linie, seit 130 Jahren auf der Route. Heute betreibt das Unternehmen zwei Produkt-Linien: die Coastal Express (klassische Hurtigruten Bergen-Kirkenes mit sieben Schiffen) und die Hurtigruten Expeditions (Expeditions-Schiffe für Grönland, Spitzbergen, Antarktis - das ist eine separate Markt-Kategorie).

Auf der Küstenroute sind die sieben Hurtigruten-Schiffe unterschiedlichen Baujahrs: MS Trollfjord (2002), MS Polarlys (1996), MS Nordkapp (1996), MS Nordnorge (1997), MS Richard With (1993), MS Kong Harald (1993), MS Nordlys (1994). Die älteren Schiffe wurden in mehreren Renovierungsphasen modernisiert; die innere Ausstattung ist zwischen klassisch (Holzvertäfelung, Messing-Details) und modern (Glasflächen, moderne Sitzgruppen) gemischt.

Was Hurtigruten besonders gut kann: die breite Erfahrung im winterlichen Polarroutings. Wenn die Aurora-Saison läuft und die See draußen vor Tromsø rau wird, fahren die alten Hurtigruten-Kapitäne diese Strecke mit Jahrzehnte-Routine. Die Bord-Erfahrung selbst ist gemütlich, mit dem informellen norwegischen Service-Stil ohne Krawatten-Atmosphäre.

Wofür Hurtigruten weniger geeignet ist: die hohen Erwartungen an Umweltbilanz. Die meisten Schiffe fahren mit konventionellem Diesel und Schweröl, ohne Batterie-Hybrid und ohne Stromversorgung am Hafen über grünen Anschluss. Wer den ökologischen Fußabdruck als Reise-Kriterium betrachtet, wird hier nicht den modernsten Standard finden.

Havila Voyages: die neue Alternative

Havila Voyages (gehört zur Familie Sævik in Sunnmøre) übernahm 2021 die Hälfte der staatlichen Konzession und betreibt vier Schiffe: MS Havila Capella, MS Havila Castor, MS Havila Polaris und MS Havila Pollux. Alle vier sind 2021-2023 gebaut, mit demselben Schwesterschiff-Design.

Die technische Besonderheit: alle Havila-Schiffe haben Hybrid-Antrieb mit Flüssiggas (LNG) und großen Batteriebänken. In den UNESCO-geschützten Fjorden Geirangerfjord und Nærøyfjord, in denen Norwegen seit 2026 emissionsfreien Schiffsverkehr vorschreibt, kann Havila ohne Antriebsdiesel fahren - rein auf Batterie für rund 4 Stunden. Hurtigruten kann das mit der aktuellen Flotte nicht, was bedeutet, dass die Hurtigruten-Schiffe in den UNESCO-Fjorden ab 2026 nicht mehr fahren dürfen.

Service und Komfort: Havila-Schiffe sind in der Innengestaltung deutlich moderner als die Hurtigruten-Flotte. Großzügigere Panorama-Fenster, ruhigere Materialwahl (mehr Holz, weniger Edelstahl), eine Service-Philosophie, die eher norwegische Outdoor-Industrie zitiert als klassische Kreuzfahrt. Das Essen ist auf den Schiffen beider Reedereien gut; Havila hat einen etwas stärkeren regional-norwegischen Akzent.

Wofür Havila weniger geeignet ist: wenn Sie Markentreue zur historischen Hurtigruten-Linie haben (klassische deutsche Kreuzfahrt-Klientel, oft schon mehrfach gefahren), oder wenn Sie eine Variante außerhalb der Küstenroute wollen (Grönland, Antarktis) - Havila betreibt aktuell nur die Bergen-Kirkenes-Strecke.

Kabinen-Kategorien: was die Aufpreise wirklich bedeuten

Beide Reedereien staffeln die Kabinen in drei bis vier Hauptkategorien. Die Logik ist auf beiden Schiffen ähnlich:

Innenkabinen (kein Fenster) - die günstigste Variante, rund EUR 1.600-1.900 pro Person für die 6-Tage-Strecke Bergen-Kirkenes (Sommer). Praktische Übernachtung; das Außen-Erlebnis findet auf den öffentlichen Decks statt.

Außenkabinen mit Fenster - die Standard-Wahl, rund EUR 1.900-2.300. Tageslicht in der Kabine, oft erhöhter Wohlfühlfaktor; das Fenster ist meist nicht öffenbar.

Suiten und Junior-Suiten - die Premium-Variante, rund EUR 2.800-4.500. Balkon, mehr Raum, oft auf den oberen Decks. Lohnt sich vor allem im Winter (Aurora-Beobachtung aus dem privaten Balkon-Raum).

Premium-Suiten und Owners-Suiten - die teuerste Variante, rund EUR 5.000-8.000. Lohnt sich nur, wenn das Schiff zum Wohnsitz wird.

Pragmatische Empfehlung für DACH-Erst-Reisende: Außenkabine im Mittel-Deck. Die Innenkabine ist unter dem Wert, weil ein Großteil der Reise-Stimmung im natürlichen Licht liegt; die Suite ist über dem Wert, wenn Sie ohnehin viel auf den öffentlichen Decks sind.

Saison-Wahl: welcher Monat ist der richtige?

Die Küstenroute fährt ganzjährig. Drei Saison-Fenster sind unterscheidbar:

Winter (Mitte November bis Mitte März): die Aurora-Saison. Die Reise wird zu einem Polarlicht-Erlebnis, mit täglichen Wartephasen auf das Nordlicht von Lounge oder Decks aus. Walbeobachtung in der Tromsø-Region ist Standard. Die Tage sind kurz, die Stimmung intensiv. Beide Reedereien haben Polarlicht-Garantie-Programme (kein Polarlicht in der Reise = kostenlose nächste Reise).

Schulter (Oktober/November und März/April): die ruhigste Phase. Polarlicht noch sichtbar (Oktober) oder erste Tageslicht-Rückkehr (März). Weniger Reisende an Bord. Die Stimmung ist deutlich entspannter als im Sommer-Hochbetrieb.

Sommer (Mitte Mai bis Mitte August): die Mitternachtssonne-Saison. Lange Tage, oft 24 Stunden Tageslicht nördlich des Polarkreises. Die Aussicht ist spektakulär, die Reise voll - in der Hochsaison liegen die Schiffe oft an der Auslastungs-Grenze, was das Lounge-Erlebnis dichter macht. Wir empfehlen für DACH-Reisende die Phase Mitte Mai bis Mitte Juni oder die letzten zwei August-Wochen als Kompromiss zwischen Lichtfülle und ruhigerer Bord-Atmosphäre.

Was die Küstenroute NICHT ist

Sie ist keine Karibik-Kreuzfahrt. Wer die Standard-Programmpunkte einer großen Karibik-Reederei erwartet (Casino, Broadway-Show, Pool-Bar, Animation), wird hier nicht fündig. Die Hurtigruten- und Havila-Schiffe sind ruhiger, kleiner (rund 500-700 Passagier-Kapazität statt 2.000-4.000), und das Programm an Bord ist deutlich unterspielter - Vorträge zur Region, ein Saxophon-Konzert, ein Bord-Quiz, ansonsten Beobachtung der vorbeiziehenden Landschaft.

Sie ist keine Expeditionsreise. Die Küstenroute fährt eine feste Strecke mit festen Anlegezeiten. Es gibt keine Zodiacs, keine Eisbär-Beobachtung, keine Off-Schiff-Wanderungen im klassischen Sinn. Wer das sucht, muss zu Hurtigruten Expeditions (Grönland, Spitzbergen, Antarktis) oder zu spezialisierten Expeditions-Reedereien wechseln.

Sie ist keine Bus-und-Hotel-Norwegen-Reise im Wasser-Format. Die Anlegezeiten in den Häfen sind kurz (1-3 Stunden in den meisten Orten); Sie sehen die Küstenstädte, aber nicht ausführlich. Wer Norwegen zu Land und in Tiefe erleben will - mit Tagen zu Fuß auf der Hochfläche, mit Übernachtungen in einer Berghütte - kombiniert die Küstenroute besser mit einer Land-Woche davor oder danach.

Wie wir die Küstenroute vermitteln

Unser Programm zur Küstenroute ist editorial. Wir nennen Ihnen, welche Reederei und welche Kabinen-Kategorie zu Ihrer Reise-Vorstellung passt, und vermitteln direkt an die Reederei oder einen unserer norwegischen Partner-Veranstalter, der die Reise einbettet. Die Buchung erfolgt mit Reisegarantifondet-Verbraucherschutz.

Unsere Empfehlungs-Logik: Havila für umweltbewusste DACH-Reisende mit Erstbesuch-Charakter und im Sommer für die UNESCO-Fjord-Querung. Hurtigruten für die Winter-Aurora-Reise mit der bewährten Polarroutings-Erfahrung sowie für klassische Kreuzfahrt-Vertraute mit DACH-Markentreue.

Häufige Kombi-Empfehlungen: Küstenroute kombiniert mit unserer Lofoten-Radwoche als Land-Erweiterung in den Lofoten, oder mit einem 3-tägigen Tromsø-Aufenthalt zur Aurora-Beobachtung.

FAQ

Häufige Fragen

Welche Reederei hat den besseren Umweltstandard?
Welche Kabine sollte ich buchen?
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, Polarlicht auf einer Winter-Küstenreise zu sehen?
Kann man auch nur eine Teilstrecke fahren?
Ist die Küstenroute mit Kindern geeignet?
Lohnt sich die Hin- und Rückfahrt?