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Journal · 12 Min. Lesezeit ·

Mit der Bergenbahn wandern: Norwegen ohne Flug

Zwei Radfahrer auf dem Rallarvegen-Schotterweg an einem stillen Bergsee bei Finse, mit schneefleckigen Bergen, die sich im Wasser spiegeln
Foto: Mari Bareksten - TravelStock / Visitnorway.com

Warum die Bergenbahn mehr ist als eine Aussichtsstrecke

Die Bergenbahn verbindet Oslo und Bergen auf 471 km Schiene und überquert dabei die Hardangervidda, die größte Hochebene Europas. Der höchste Bahnhof, Finse, liegt auf 1.222 m - das ist Hochfjell-Niveau, erreichbar ohne einen einzigen Höhenmeter aus eigener Kraft. Genau das macht die Strecke für Wanderer interessant.

Die meisten Reisenden behandeln die Bahn als Transit oder als Schauveranstaltung: einsteigen in Oslo, sechseinhalb Stunden aus dem Fenster sehen, aussteigen in Bergen. Das ist eine schöne Fahrt, aber sie verschenkt das eigentliche Potenzial. Die Bahn setzt Sie an Punkten ab, die mit dem Auto schlecht oder gar nicht erreichbar sind, und holt Sie am nächsten Tag wieder ab.

Wir denken die Strecke deshalb anders: als eine Kette von Wander-Ausstiegen. Sie fahren ein Stück, steigen aus, gehen einen Tag, übernachten, und nehmen am Morgen den nächsten Zug. Diese Logik ordnet sich in die größere Auswahl ein, die wir im Leitfaden zur Wanderreise Norwegen beschreiben.

Anreise ohne Flug: vom Kontinent nach Oslo

Der erste Teil der Reise findet auf dem Kontinent statt. Von Deutschland aus erreichen Sie Oslo ohne Flug über zwei Wege: tagsüber mit Umstieg in Hamburg und Kopenhagen, oder mit dem Nachtzug bis Hamburg und von dort weiter. Realistisch ist das eine Reise über anderthalb Tage, nicht über zwei Stunden Flug - dafür ohne Sicherheitskontrolle, mit Gepäck am Platz und einem klaren Klimavorteil.

Konkret bedeutet das: Eine Bahnanreise von Frankfurt oder München nach Oslo verursacht einen Bruchteil der CO2-Emissionen eines Fluges nach Bergen. Für den klimabewussten Reisenden, der ohnehin Zeit für eine Wanderwoche einplant, sind die zusätzlichen Reisestunden Teil der Sache, nicht ein Hindernis. Viele empfinden die langsame Annäherung an den Norden sogar als den besseren Einstieg.

In Oslo beginnt dann die eigentliche Bergenbahn. Wer die Bahnlogik bis zum Ende durchzieht, kann auch das Ziel der Wanderung autofrei wählen: Eine tiefer gelegene Route wie die autofreie Wanderreise per Bahn über das Dovrefjell ist mit demselben Schienennetz erreichbar und verlängert das nutzbare Saisonfenster.

Ausstieg Finse: der Rallarvegen und der Hardangerjøkulen

Finse ist der bemerkenswerteste Halt der Strecke. Der Ort hat keinen Straßenanschluss - erreichbar ist er ausschließlich mit der Bahn, auf Ski oder zu Fuß. Auf 1.222 m liegt hier mitten im offenen Fjell ein Bahnhof, ein Hotel und das historische Rallarmuseum. Wer aussteigt, steht sofort im Hochgebirge, ohne Anstieg.

Von Finse beginnt der Rallarvegen, die alte Baustraße, die beim Bahnbau um 1900 für den Materialtransport angelegt wurde. Sie führt in rund 37 km hinunter nach Myrdal, vorbei am Fuß des Hardangerjøkulen, eines Gletschers, der die Hochebene überragt. Die Strecke ist ein klassischer Tages- oder Zweitagesweg, gut zu gehen und ebenso beliebt zum Radeln, mit stetigem Gefälle in Richtung Westen.

Wer nur einen halben Tag hat, geht ein Stück Richtung Hardangerjøkulen und kehrt zur Bahn zurück. Die Landschaft ist die offene Hochfläche (Vidda) in ihrer reinsten Form: Stein, Schmelzwasser, Schnee bis in den Sommer, kein Baum. Aus unserer Erfahrung unterschätzen Alpenwanderer hier das Wetter - auf 1.222 m schlägt es schnell um, und es gibt keinen Wald als Schutz.

Ausstieg Myrdal: die Flåmbahn und das Aurlandstal

Der zweite große Wander-Ausstieg ist Myrdal auf 867 m. Hier zweigt die Flåmbahn ab, eine der steilsten Adhäsionsbahnen der Welt: In 20 km fällt sie 866 Höhenmeter hinab nach Flåm am Aurlandsfjord, einem Seitenarm des Sognefjords. Die Fahrt selbst ist berühmt, aber für Wanderer ist Myrdal vor allem ein Übergangspunkt zwischen Hochfjell und Fjord.

Von Myrdal aus lässt sich der Abstieg auch zu Fuß gehen, auf dem alten Saumpfad neben der Bahnstrecke, mit Blick auf den Kjosfossen-Wasserfall. Wer lieber unten ins Tal einsteigt, fährt mit der Flåmbahn hinab und beginnt in Flåm eine Wanderung durch das Aurlandstal - die Aurlandsdalen gilt als eine der klassischen Talwanderungen Norwegens, mit deutlichem Höhenunterschied und alten Pfaden.

Ab Flåm öffnet sich die ganze Region der westnorwegischen Fjorde. Wer von hier aus eine ganze Woche am Wasser plant, findet das passende Format in unserer Woche zum Wandern am Hardangerfjord, die sich gut an die Bahnanreise anschließt.

Das Norway-in-a-Nutshell-Problem und die wandernde Alternative

Die Standardroute, unter der Marke Norway in a Nutshell verkauft, kombiniert Bergenbahn, Flåmbahn, eine Fjordfahrt über den Nærøyfjord und einen Bus zurück - alles an einem Tag oder in zwei Etappen. Sie ist effizient organisiert und beliebt, und für Reisende mit wenig Zeit eine sinnvolle Art, die Region einmal zu sehen.

Das Problem für Wanderer ist offensichtlich: Man sitzt fast die ganze Zeit. Die Route ist auf Schauen ausgelegt, nicht auf Gehen. Wer die Bahn nutzen, aber auch wandern will, braucht eine andere Taktung - mit mindestens einer Übernachtung in Finse oder Flåm und einem ganzen Tag zu Fuß dazwischen.

Die wandernde Alternative ist im Grunde dieselbe Strecke, nur entschleunigt: Bergenbahn bis Finse, eine Nacht, ein Tag auf dem Rallarvegen, weiter nach Myrdal, Flåmbahn hinab, eine Nacht in Flåm, ein Tag in der Aurlandsdalen. Dieselben Bahnstrecken und dieselbe Fjordfahrt sind enthalten, aber das Verhältnis von Sitzen zu Gehen kehrt sich um.

Saison: wann die Wege schneefrei sind

Das wichtigste praktische Detail betrifft den Schnee. Die Bahn fährt das ganze Jahr, aber die Wanderwege auf der Hochebene tun das nicht. Der Rallarvegen ist verlässlich erst ab Mitte Juli vollständig schneefrei, in schneereichen Jahren noch später. Wer im Juni in Finse aussteigt, kann auf weite Schneefelder treffen, auch wenn unten im Tal längst Sommer ist.

Das stabile Wanderfenster für die Hochstrecke reicht damit etwa von Mitte Juli bis Mitte September. Die tiefer gelegenen Wege - der Abstieg von Myrdal, die Aurlandsdalen - sind früher begehbar, oft schon ab Mitte Juni, und auch im frühen Herbst noch gut. Wer Farbe und leere Wege sucht, sollte den September prüfen; die Details stehen in unserem Beitrag zum Herbstwandern in Norwegen.

Konkret heißt das für die Planung: Hochstrecke ab Finse im Hochsommer, Talstrecken ab Flåm auch in den Randmonaten. Wer die genaue Monatslogik für sein Profil sucht, findet sie in unserem Monatsplaner. Die Bahn nimmt Ihnen die Höhe ab, aber nicht die Saison.

Buchung: wie Sie Bahn und Etappen ohne Reisebüro planen

Die Bergenbahn und die Flåmbahn buchen Sie direkt bei der norwegischen Bahn über vy.no, deren Seite auf Englisch verfügbar ist. Tickets für die Bergenbahn werden je nach Auslastung dynamisch bepreist; frühe Buchung ist deutlich günstiger als der Kauf am Bahnsteig. Die Flåmbahn wird gesondert gebucht, in der Hochsaison empfiehlt sich eine feste Uhrzeit im Voraus.

Für die Übernachtungen gilt: In Finse gibt es ein Hotel und eine Hütte, beide in der Hochsaison schnell ausgebucht - hier sollten Sie früh reservieren. In Flåm ist das Angebot größer, aber im Juli und August ebenfalls voll. Wer flexibel bleiben will, plant die beiden Knotenpunkte zuerst und die Talwanderungen drumherum.

Wenn Ihnen die eigenständige Planung von Bahn, Etappen und Hütten zu aufwendig ist, lässt sich die Bahnanreise auch mit einer geführten Woche verbinden. Eine geführte Wanderreise Norwegen nimmt Ihnen die Logistik ab, während Sie die klimabewusste Anreise selbst in der Hand behalten.

FAQ

Häufige Fragen

Wo steigt man auf der Bergenbahn zum Wandern aus?
Wann ist der Rallarvegen schneefrei?
Wie reise ich ohne Flug nach Norwegen zum Wandern?
Wie buche ich die Bergenbahn und die Flåmbahn?
Was ist die Alternative zu Norway in a Nutshell für Wanderer?
Wie anspruchsvoll ist eine Wanderung ab Finse?
Kann ich mein Gepäck transportieren lassen?