Nordic Curator
Journal · 9 Min. Lesezeit ·

Jotunheimen oder Rondane? Welcher Nationalpark zu Ihnen passt

Wanderer schaut über das Rondane-Gebirge unter weitem grauem Himmel
Foto: Theres Bauer

Zwei Nachbarn, zwei verschiedene Gebirge

Beide Parks liegen im Binnenland Südnorwegens, westlich und östlich des Gudbrandsdalen, und beide gehören zu dem, was Norweger Fjell nennen: die offene Landschaft oberhalb der Baumgrenze, ohne Almwirtschaft und ohne Seilbahnen. Damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Was das Fjell für Alpenwanderer bedeutet, gilt in beiden Parks, aber in sehr unterschiedlicher Dosis.

Jotunheimen, das Heim der Riesen, ist seit 1980 Nationalpark und versammelt die höchsten Berge Nordeuropas. Galdhøpiggen mit 2.469 m und Glittertind mit 2.452 m stehen hier, dazu Gletscherzungen, tief eingeschnittene Täler und Seen, die wie Fjorde zwischen den Bergen liegen. Die Landschaft ist steil, felsig und vertikal gedacht.

Rondane wurde 1962 als erster Nationalpark Norwegens geschützt. Der höchste Gipfel, Rondeslottet, erreicht 2.178 m, und mehrere Nachbarn liegen ebenfalls über 2.000 m. Trotzdem wirkt das Gebirge niedriger, als es ist: Die Gipfel steigen aus einer Hochfläche auf, die selbst schon auf 1.000 bis 1.400 m liegt, und dazwischen breitet sich ein flaches, mit hellen Flechten bedecktes Plateau aus. Gletscher gibt es keine.

Die beiden Parks im direkten Vergleich

Die Tabelle fasst zusammen, wonach uns Gäste am häufigsten fragen. Die Zahlen sind Richtwerte für typische Sommerwanderungen, keine Extremtouren.

Die beiden Parks im direkten Vergleich
JotunheimenRondane
LandschaftHochgebirge mit Gletschern, Graten und tiefen SeenHochfläche mit gerundeten Gipfeln und Flechtenteppich
Höchster PunktGaldhøpiggen, 2.469 mRondeslottet, 2.178 m
Typische Tagesetappe14 bis 20 km, oft über 1.000 Hm5 bis 14 km, meist wenige hundert Hm
GeländeBlockfelder, ausgesetzte Passagen, Schneefelder bis in den Juliweiche Pfade, Steinwarden, wenig Ausgesetztheit
Klimawechselhaft, Niederschlag aus Westeneines der trockensten Gebirge Norwegens
Besucherdruckan den Klassikern hochan den meisten Tagen gering
Passt zutrittsicheren, konditionsstarken BergwanderernEinsteigern, Familien, gemischten Gruppen

Jotunheimen: Grate, Gletscher und lange Tage

Wer Jotunheimen kennt, kennt meist zuerst Besseggen. Der Grat zwischen dem grünen Gjende auf 984 m und dem dunkleren Bessvatnet ist 14 km lang, verlangt rund 1.100 Höhenmeter und hat eine Stelle, an der Sie die Hände brauchen. Die Details zu Richtung, Bootsanfahrt und Startzeit stehen in unserem Beitrag zur Gratwanderung über Besseggen. An einem Sommertag sind dort sehr viele Menschen unterwegs, und die Wanderung fühlt sich entsprechend an.

Die zweite Klassikerin ist der Gipfel selbst. Galdhøpiggen lässt sich von Juvasshytta auf 1.840 m über den Gletscher nur mit Führer besteigen, von Spiterstulen dagegen auf einem langen, steilen Weg ohne Gletscherkontakt. Welche Route zu wem passt, haben wir im Routenvergleich für Galdhøpiggen aufgeschlüsselt.

Abseits dieser beiden Namen liegt das eigentliche Jotunheimen: Hüttenwege durch Täler wie Visdalen und Leirdalen, Übergänge zwischen den Seen Gjende und Bygdin, und Tagesetappen, auf denen Sie stundenlang niemandem begegnen. Konkret bedeutet das Etappen von 15 bis 20 km, unmarkierte Abschnitte über Blockfelder und Altschnee, der in Nordlagen bis weit in den Juli liegt. Jotunheimen belohnt Erfahrung und bestraft Selbstüberschätzung.

Wie eine Woche dort aussehen kann, zeigt ein Beispiel, das wir häufig skizzieren: Anreise nach Gjendesheim, am nächsten Morgen mit dem Boot nach Memurubu und über Besseggen zurück, dann zwei Hüttenetappen nach Westen in Richtung Gjendebu und Spiterstulen, ein Ruhetag mit optionalem Gipfel und zum Schluss der Abstieg ins Tal. Das sind fünf Wandertage mit zusammen mehreren tausend Höhenmetern, und an mindestens einem davon wird das Wetter Ihre Pläne ändern. Wer weniger Puffer einbaut, verschenkt die Woche an den ersten Regentag.

Rondane: Hochfläche, Rentiere und trockene Luft

Rondane spielt in einer anderen Tonart. Die Wege laufen über flache Sättel und offene Hochflächen, gut markiert mit Steinwarden und dem roten T des norwegischen Wandervereins. Die Gipfel sind Haufen aus grobem Blockwerk, die man besteigen kann, aber nicht muss: Die meisten Wanderer erleben Rondane von unten, auf Etappen, die nach einem halben Tag enden und Zeit für den Abend lassen.

Was Rondane auszeichnet, ist das Klima. Der Park liegt im Regenschatten der westlichen Gebirge und gehört zu den niederschlagsärmsten Regionen Norwegens. Der Boden ist mit hellgrünen und gelben Flechten bedeckt, die Luft ist klar, und das Licht hat eine Schärfe, die Fotografen gezielt suchen. In den Hochlagen lebt eine der wichtigsten Wildpopulationen des Landes: das wilde Rentier, das Sie mit etwas Glück aus der Ferne sehen und mit etwas Anstand nicht stören.

Unsere Hüttenwanderung durch Rondane zeigt, wie sanft das Gebirge sein kann: vier Tage, drei Nächte in traditionellen Fjellstuer, eine kleine Schleife ab Høvringen über Putten Seter und Smuksjøseter. Jeden Morgen wählen Sie zwischen einer kurzen und einer langen Route, zwischen 5 und 14 km, das Gepäck reist voraus. Am ersten Wandertag führt die lange Variante über Karihaugen auf 1.277 m, am zweiten lohnt der Abstecher auf den Formokampen mit 1.428 m.

Wer in Rondane mehr will als eine sanfte Einführung, findet es im Inneren des Parks. Von Rondvassbu aus führen die Aufstiege auf Storronden und Rondeslottet durch grobes Blockwerk, mit spürbar mehr Höhenmetern und einer Trittsicherheit, die die Wege am Rand nicht verlangen. Das ist kein Jotunheimen, aber es ist auch keine Spazierwanderung mehr. Viele unserer Gäste hängen an die Hüttenschleife deshalb zwei Nächte in Rondvassbu an und testen dort, ob ihnen das steilere Gelände liegt, bevor sie sich im nächsten Jahr an Jotunheimen wagen.

Hütten, Unterkünfte und was Sie dort erwartet

In beiden Parks übernachten Sie in einer Mischung aus Hütten des norwegischen Wandervereins DNT und privaten Fjellstuer. Der Unterschied liegt im Charakter, nicht im System. In Jotunheimen sind die großen bewirtschafteten Häuser wie Gjendesheim und Gjendebu am Gjende Knotenpunkte mit vielen Gästen, langen Tischen und einem Abendessen, das zu einer festen Uhrzeit serviert wird. Wie Mitgliedschaft, Schlüssel und Selbstversorgerhütten zusammenhängen, steht im Leitfaden zu den DNT-Hütten für deutsche Wanderer.

Rondane hat weniger, kleinere und ruhigere Häuser. Rondvassbu im Inneren des Parks ist die bekannteste bewirtschaftete Hütte, am Rand liegen ehemalige Almen, die heute als Fjellstue geführt werden, mit eigenen Bädern und einem Menü in drei Gängen. Für viele deutsche Gäste ist das die angenehmere erste Erfahrung: keine Matratzenlager, keine Schlafsackpflicht, aber dennoch der Rhythmus einer echten Hütte im Fjell.

Die Faustregel, die wir weitergeben: In Jotunheimen buchen Sie die Hütte und passen sich ihr an. In Rondane passt sich die Unterkunft eher Ihnen an.

Saison, Wetter und Anreise

Die Wandersaison ist in beiden Parks kurz. Ab Ende Juni sind die meisten Wege schneefrei, im September kommt der erste Schnee auf die Gipfel, und die bewirtschafteten Hütten schließen meist im Laufe des Septembers. Rondane wird etwas früher begehbar, weil weniger Schnee fällt und er schneller abtaut. In Jotunheimen sollten Sie für hochgelegene Übergänge eher Mitte Juli als Ende Juni einplanen. Wie sich die Wochen über das ganze Land verteilen, zeigt der Monatsplaner für Wanderreisen.

Beim Wetter ist der Unterschied größer, als die Karte vermuten lässt. Jotunheimen bekommt die Fronten aus Westen ab, mit Nebel, Wind und raschen Wechseln. Rondane liegt dahinter und hat häufig noch Sonne, wenn es in Jotunheimen regnet. Wer seine Woche flexibel halten kann, nutzt das: Bei schlechter Vorhersage im Westen lohnt der Wechsel nach Osten.

Die Anreise ist für beide Parks unkompliziert. Otta an der Dovrebahn zwischen Oslo und Trondheim ist der gemeinsame Bahnhof. Nach Rondane geht es von dort mit dem Transfer hinauf nach Høvringen. Nach Jotunheimen fahren im Sommer Busse weiter ins Gebirge, allerdings saisonal und dünn getaktet. Wer beide Parks kombinieren will, plant eine Nacht in Otta oder im Tal dazwischen ein.

Welcher Park zu welchen Wanderern passt

Jotunheimen passt zu Ihnen, wenn Sie in den Alpen Touren der Kategorie T3 sicher gehen, 1.000 Höhenmeter an einem Tag ohne Erholungstag danach vertragen und bei schlechter Sicht selbst entscheiden können, wann Sie umkehren. Es passt auch, wenn Sie ein konkretes Ziel haben, Besseggen oder Galdhøpiggen, und den Rest der Reise darum herum bauen. Was im Fjell anders ist als in den Alpen, haben wir für Jotunheimen-Einsteiger mit Alpenerfahrung zusammengefasst.

Rondane passt zu Ihnen, wenn Sie zum ersten Mal in Norwegen von Hütte zu Hütte gehen, mit Kindern, Enkeln oder Freunden unterschiedlicher Kondition reisen, oder wenn Sie Weite und Stille höher bewerten als Gipfel und Grate. Rondane ist auch die bessere Wahl für Spätsommer und Frühherbst, wenn das Licht flach wird und die Flechten leuchten.

Zwischen diesen beiden Profilen liegt eine dritte Gruppe, die uns oft schreibt: Paare, in denen einer gern auf Gipfel steigt und der andere lieber auf der Hochfläche bleibt. Für sie ist Rondane meist die bessere Wahl, gerade weil die Etappen kurz sind. Wer will, hängt an einen Hüttentag einen Gipfel an und trifft den anderen am Nachmittag in der Fjellstue wieder. In Jotunheimen geht das selten, weil die Hüttenwege selbst schon den ganzen Tag füllen und es kaum kurze Alternativen gibt.

Für beide gilt dasselbe: Das norwegische Hochland verzeiht weniger, als die harmlosen Höhenangaben vermuten lassen. Die Fjellvettreglene, die norwegischen Bergregeln, sind in Rondane eine gute Gewohnheit und in Jotunheimen eine Bedingung.

FAQ

Häufige Fragen

Kann ich Jotunheimen und Rondane in einer Reise verbinden?

Ist Rondane für Kinder unter zehn Jahren geeignet?

Brauche ich für Jotunheimen einen Bergführer?

Gibt es Jotunheimen auch als fertige Reise bei Ihnen?

In welchem der beiden Parks ist es im August ruhiger?